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Aaron Grosser landet Coup bei Belgrade Banjaluka

Mittwoch, Apr 24, 2019 in Pro Cycling

Ein Radrennen verbindet Serbien und Bosnien Herzegowina und Aaron Grosser zeigt, was er drauf hat. Beides für sich eine grandiose Geschichte.

Wenn ein Radrennen Schranken öffnet

Meist kehrt unser Team aus fernen Ländern heim und ist beeindruckt von den dortigen Erlebnissen, beeindruckt ,wenn Sport etwas mehr bewegen kann. Wenn Sport über sich hinaus wächst, etwas für ein Land und dessen Leute bedeuten kann. Das erlebt man in Eritrea, wo Radsport die Hoffnung für die Jugend ist oder man erlebt es in Ruanda, wo Radsport ein Land nach einem schrecklichen Krieg wieder vereint.  

Dabei braucht es dazu überhaupt keine weiten Flugreisen, um auf ähnliche Beispiele zu treffen. So unbekannt und deswegen so entdeckenswert uns der afrikanische Kontinent erscheinen mag, so unbekannt ist uns eigentlich auch der tiefe Osten Europas. Dazu braucht es nur die Anstrengung einer längeren Autofahrt. Wenn man hinter Österreich an der ersten Grenzkontrolle angelangt ist und sich dieses altmodische Prozedere beim überqueren weiterer Grenzen der folgenden Länder wiederholt, weiß man, dass hier etwas anders zu sein scheint.  

Vor nicht all zu langer Zeit, genau genommen 1992 eskalierte die Situation im ehemaligen Jugoslawien nach dem Zerfall der Sowjetunion. Was folgte, gehört mit zu den dunkelsten Epochen europäischer Geschichte. Ein schrecklicher Krieg begann, einstige Freunde und Nachbarn begannen sich abzuschlachten, angeheizt durch nationalistische Propaganda. Die Situation war kompliziert und ist sie auch heute noch. Es entstanden aus dem ehemaligen Jugoslawien viele kleine Länder, die heute noch politisch höchst zerstritten sind und worunter die Bevölkerung immer noch leidet.  

Wer sich in dieses Thema etwas einliest, der versteht die großartige Geste, wenn man ein Radrennen organisiert, welches im serbischen Belgrad startet und in Banjaluka in Bosnien Herzegowina endet. Wenn für ein kurzes Zeitfenster die Schlagbäume der Grenzen beider Länder oben bleiben und 150 Radsportler sowie deren Begleittross ungehindert die Grenze passieren können.  

Bei diesem Radrennen konnte sich Neuzugang Aaron Grosser erstmals richtig in Szene setzen. Drei Sprintankünfte boten gute Vorraussetzungen vielleicht in der Gesamtwertung ein Wort mitzureden. Aber die erste Etappe bestand aus einer Bergankunft, welche richtungsweisend für die Gesamtwertung sein dürfte.  

BIKE AID macht Sieger

Als junger Fahrer in einem neuen Team ist es oft nicht leicht direkt von den älteren Fahrern anerkannt zu werden, sich auf deren Unterstützung verlassen zu können. Doch genau das scheint derzeit die Stärke des Teams darzustellen. Neuen Fahrern in Kürze zu ermöglichen, ihr Bestes aus sich heraus zu holen, ihnen das Selbstvertrauen und die Rückendeckung zu geben.  

Dies gelang beispielsweise Lucas Carstensen, als er 2018 bei seinem ersten Rennen für das Team direkt die erste Etappe der Tropicale Amissa Bongo Gabun in Gabun gewann. Oder ebenso Clint Hendricks, dem Talent aus Südafrika, der im Herbst zu BIKE AID kam und kurz darauf seinen ersten UCI Sieg in Indonesien feiern konnte. Und natürlich Salim Kipkemboi, der in den arabischen Emiraten mit BIKE AID den ersten UCI Sieg eines Kenianers einfuhr.  

Nun durfte sich Aaron Grosser probieren. Er meisterte die Bergankunft der ersten Etappe ohne Zeitrückstand und blühte auf den nächsten Etappen immer weiter auf. Mit Platz 4 in einem chaotischen Finale in Brčko und einem zweiten Platz auf der dritten Etappe nach Teslić brachte er sich in Position in der Gesamtwertung. Auf dem Podium der dritten Etappe war Aaron umgeben von der geballten World Tour Erfahrung eines Marko Kump, den er auf Platz drei verwies oder dem Etappensieger Wouter Wippert.  

Vor der letzten Etappe trennten Aaron gerade mal 9 Sekunden von dessen Namensvetter Aaron Gate aus Neuseeland, dem Führenden der Gesamtwertung. Es gab eine kleine Hoffnung, daran etwas zu verändern, wenngleich sich Gate auf ein unglaublich erfahrenes Team verlassen konnte.  

Wie die Gallier gegen die Römer machten sich die BIKE AID Jungs auf zur letzten Etappe und versuchten den starken Gegner in die Bredouille zu bringen. Unverhofft früh gelang dies bereits nach rund 50km Renndistanz, als das Gelbe Trikot bedingt durch Chaos in einem kleinen Dorf ins Hintertreffen gerat. Eine kleine Bergwertung, Defekte und Stürze und das Feld zersplitterte. Aaron und Nikodemus Holler befanden sich in der ersten Gruppe und ein Highspeed Rennen über weitere 125km entbrannte. Das gelbe Trikot verlor Sekunde um Sekunde und es schien kurz vor der Ziellinie tatsächlich möglich, dass Aaron um den Gesamtsieg fuhr.  

Zeitgleichheit nach 14 Stunden, 55 Minuten und 35 Sekunden

Aaron sprintete mit Platz 3 erneut aufs Podium, sicherte sich wichtige Bonussekunden und schien an der Spitze der Gesamtwertung zu legen, den größten Erfolg seiner jungen Kariere vor Augen: Sieg in der Gesamtwertung eines Rennens der Kategorie 2.1 der Europe Tour.  

Man wollte schon die Siegerehrung starten, als die UCI Kommissäre doch ins Grübeln kamen. Als zweiter überquerte Paweł Franczak aus Polen die Ziellinie und sicherte sich ebenso Bonussekunden. Die Ergebnisse der Etappen mussten genau unter die Lupe genommen werden und für Aaron waren es unendliche Minuten. Dann stand fest: Aaron liegt zeitgleich mit Franczak in der Gesamtwertung, Franczak  hatte aber in der Addition der einzelnen Platzierungen die Nase vorn.  

Aaron beendete damit die Rundfahrt zeitlich mit dem Sieger auf Platz zwei. Eine Situation, bei der man sich erst einmal ärgert, dann aber dennoch erfreut feststellen muss, was dieses Ergebnis bedeutet. Ebenso der bisher größte Erfolg für Aaron und eine weitere großartige Teamleistung für BIKE AID.

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