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Tour du Ruanda – Wie ein Land sich neu erfindet

Sonntag, Dez 6, 2015 in Pro Cycling

Es ist meine erste Reise nach Ruanda. Wir sind hierher gekommen, um an der diesjährigen Tour du Ruanda teilzunehmen. Ein Radrennen, das über sieben Etappen durch das ganze Land führt. Nur ein Radrennen, könnte man sagen. Doch das würde dem Ganzen einfach nicht gerecht, denn am Ende der Rundfahrt versteht man erst die Bedeutung, die diese Veranstaltung für Ruanda hat. Und das ist eben so viel mehr als ein gewöhnliches Sportevent

Doch am Anfang stehen - auch bei mir - erstmal Erwartungen. Wie wird das Rennen sein? Wie sind die Menschen in Ruanda? Kann man die Organisation der Veranstaltung mit Europa vergleichen? Und vieles mehr. Doch auch hier muss man sagen, dass Oberflächlichkeiten (wie etwa Erwartungen an Hotelzimmer) schnell dem Blick auf tiefgründigere Dinge weichen. 

Eine Woche lang dürfen wir frenetisch jubelnde Menschenmassen erleben, die täglich an den Streckenrand strömen und sich im Start- und Zielbereich der Etappen aufhalten. Wir werden behandelt wie Popstars. Die Menschen interessieren sich, wollen uns anfassen und mit uns reden - sofern sie englisch sprechen. Selbst bei großen Rennen in Europa, die wir in einer Vielzahl bestreiten, haben wir eine vergleichbare Begeisterung für uns und unseren Sport nur selten bis nie erlebt. Doch dann tritt das heimische Team Ruanda auf. Und schon wird die kurz zuvor - in unseren Augen unfassbare Begeisterung – noch einmal um ein Vielfaches übertroffen. Menschenmengen stürmen los, um Ihre "Stars" hautnah zu sehen. Sie zu erleben. In etwa so, als würde Elvis Presley wieder auftauchen. 

Für uns ist es etwas Besonderes, diese Begeisterung in einem Land erleben zu dürfen, das doch erstmal mit Radsport wenig zu tun hat. Denn aus unserer europäischen Sicht, gibt es doch gar keine Radsportkultur in Afrika und schon gar nicht in Ruanda. Und da liegen wir gar nicht so falsch. Auf Ruanda bezogen. Denn der Radsport hat sich hier erst in den letzten Jahren in dieser Form entwickelt - und ist bestimmt noch nicht am Ende. 

Doch viel entscheidender ist es, wenn man sich die Zusammenhänge klarmacht, die dem Ganzen erst seine wahre Bedeutung beimessen lassen. 

Ruanda - ein Land mit einer bewegenden und schwerwiegenden Geschichte. Es ist erst 21 Jahre her, als das Land seine wohl erschütterndste Epoche erlebte. Den Genozid oder auch Völkermord. Rund eine Million Menschen wurden Mitte der Neunziger innerhalb kürzester Zeit auf grausame Weise ermordet. Nur weil sie einem der drei Volksstämme angehörten. So brachten die Hutu fast 75 % der in Ruanda lebenden Tutsi um. Darunter Frauen und Kinder. 

Heute ist Ruanda das am dichtesten besiedelte Land in Afrika mit einer sehr jungen Bevölkerung. Rund 40% der Bevölkerung sind unter 15 Jahre. Das ist auch ein Grund, warum so viele Kinder das Bild an den Strecken zeichnen. Doch spürbar ist es schon noch, dass die Geschichte Ihre Spuren hinterlassen hat. 

Denn trotz aller Begeisterung für die Rundfahrt und den Sport, spürt man eine gewisse Zurückhaltung bei den Menschen - gar ein Misstrauen oder Angst - gegenüber uns Fremden. Vor allem außerhalb der Hauptstadt Kigali ist das spürbar. 

Hier wird unsere Erwartungshaltung nicht erfüllt. Denn wir hatten ja bereits viel Kontakt mit Menschen in Afrika. Die Form an Offenheit, die wir kennen und von Afrikanern gewohnt sind, erleben wir leider nicht ganz. Eher ist es so, dass die Menschen in Ruanda noch eine Form von Unsicherheit in sich tragen und eben Ihre Vergangenheit noch nicht ganz überwunden haben. Aber es wäre sicherlich auch nicht angemessen, diese Erwartung nach erst 21 Jahren aufrecht zu erhalten. Vielmehr sollte man versuchen zu verstehen, welchen Weg das Land bereits genommen hat. Denn Ruanda ist eines der Länder Afrikas, die sich am schnellsten entwickeln. 

Die politische Stabilität im Land trägt dazu natürlich bei. Es ist sogar so, dass die große Mehrheit der Bevölkerung mit der aktuellen Regierung um Präsident Paul Kagame so zufrieden ist, dass ein Volksbegehren durchgesetzt wurde, welches ermöglicht ihn erneut zu wählen, obwohl die maximale Amtszeit qua Verfassung bereits erreicht ist. 

So sind das Land und seine Bevölkerung eben mitten in einem Prozess, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und eine bessere Zukunft anzusteuern. Dazu braucht man natürlich auch Dinge, die ein Land "zusammenwachsen" lassen und um Hürden abzubauen. Hier ist der Sport oft ein perfektes Mittel. Und was für uns Deutsche das Wunder von Bern 1954 war ist die Tour du Ruanda, mit seinem Team Ruanda halt für die Menschen dort. Eben so viel mehr als nur ein Rennen! 

euer Timo

Ergebnisse Tour du Ruanda

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