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Dabei sein ist alles - BIKE AID bei der WM in Katar

Sonntag, Okt 16, 2016 in Pro Cycling

Bei der diesjährigen Weltmeisterschaft im Mannschaftszeitfahren in Doha, Katar belegte das Team Stradalli – BIKE AID den 17. Platz – von 17 Mannschaften.

Großes entsteht immer im Kleinen

 

Es war die Weltmeisterschaft. Die eine Weltmeisterschaft in der jedes Jahr die Träger des so umkämpften Regenbogentrikots auserkoren werden, denen jene Ehre zu Teil wird, dieses wunderschöne Kleidungsstück dann ein Jahr lang präsentieren zu dürfen.

Und mittendrin war dieses Mal jenes kleine Team aus dem Saarland, das während der letzten drei Jahre im Profiradsport schon für die ein oder andere Überraschung gesorgt hat. So auch diesmal, denn mit dieser Teilnahme an der offiziellen Weltmeisterschaft des Weltradsportverbandes UCI hätte nun wirklich niemand gerechnet, auch im Team selbst nicht. So war die Stimmung nach der Verkündung des Erhalts der Starterlaubnis bereits auf dem Höhepunkt angelangt und man war noch nicht einmal vor Ort. Doch wie sollte das nun wieder alles realisiert werden?

Organisation - ein Riesenaufwand

 

Während bei den World Tour Teams (Mannschaften der ersten Liga des Profiradsports mit Jahresbudget zwischen 10 und 30 Millionen Euro) neben den rund 27 – 30 Fahrern noch weitere 60 Mann im Betreuerstab angestellt sind, bedeutet ein solches Event für eine Mannschaft in der Größenordnung von BIKE AID immer vor allem eines: Vollstress in der Vorbereitung, Nachtschichten und viel Kopfzerbrechen, wie man denn so einen „Trip“ am (kosten-)optimalsten organisiert.

Denn jeder, der schon einmal selber irgendwo mit seiner Familie in Urlaub geflogen ist weiß was es bedeutet, wenn man mit Sack und Pack verreist, an was alles gedacht sein muss, was organisiert sein muss und so weiter und so fort. Doch was ein Radteam dann in Bewegung setzen muss, um an einem solchen Event teilzunehmen, das ist dann schon wieder eine ganz andere Hausnummer.

Denn all das muss vorher erledigt sein: Zeitfahrmaterial vorbereiten, Visaformalitäten für alle regeln, Hotel buchen, Flüge buchen, Werkzeug packen (man nimmt praktisch eine fast komplette Fahrradwerkstatt mit - im Flugzeug!), Ersatzmaterial richten, packen und und und.

Ein Tross von 10 Personen reiste für Stradalli – BIKE AID nach Katar, aber im internationalen Vergleich war auch das eher unteres Ende des Teilnehmerfeldes, denn ein Team SKY – immerhin Branchenführer – hatte am Ende mehr Betreuer vor Ort, als unser gesamter Tross umfasste.

Meron soll daheim bleiben - nicht mit uns!

 

Und immer wieder platzen in jeden Ablauf Dinge, die so vorher niemand erfassen kann und die dann einen eigentlich als ruhig geplanten Reisetag doch wieder zu einem unvergesslichen Erlebnis machen sollen. Vor allem wenn man Afrikaner im Team hat, wird einem von vielen Behörden nicht immer alles so einfach gemacht. So auch diesmal.

Frohen Mutes und reinen Gewissens stand unser Fahrer Meron Teshome in Frankfurt am Chek-in wo ihm dann plötzlich das Einchecken verweigert wurde. Warum? Er habe kein Visum für Katar und man könne ihn so nicht fliegen lassen. Sämtliche Erklärungsversuche, dass das Visum doch vom Ministerium für Sport in Katar bereits ausgestellt sei (wie das bei Weltmeisterschaften üblich ist und auch vom Weltradsportverband mit allen Teilnehmern organisiert wurde), wurden jedoch mit einem gleichgültigen Verweis abgetan, er benötige das Visum ausgedruckt hier vor Ort.

Sein – bereits eingechecktes – Gepäck wurde mit dem lapidaren Hinweis, dass es das jetzt für ihn gewesen sein sollte wieder ausgeschleust und er könne es in einer Stunde da und da abholen.

Glückwunsch und Hochstimmung! Ein Mann sollte nun nicht nach Katar fahren. Für ihn ein lange ersehnter Traum, startet er doch auch im Einzelzeitfahren und Straßenrennen der Profis. Einfach so hin. Aus Willkür. Meron war den Tränen nahe. Aber aufgeben? Nein, nicht so einfach!

Smartphone sei Dank!

 

Nach langem Hin und Her, zahlreichen Telefonaten mit der Organisation in Katar erhielt Meron das Visum schließlich per i-message (ja, mit neuen Kommunkationsmedien ist eben viel machbar) und es begann ein erneuter Anlauf. Trotz Beweis, dass das Visum vorliegt und offiziellem Schreiben, war man am Schalter nicht mit der „Qualität“ des Beweises zufrieden, denn es war nicht hoch genug aufgelöst.

Wieder begann ein Telefonmarathon mit Katar. Man brauche nun das Dokument ganz sauber und auf eine offizielle email – Adresse. Während die Schlange am Abfertigungsschalter immer kleiner wurde und die Zeit bis Abflug mit ihr, schwand die Hoffnung immer mehr.

Doch letztendlich kam das Dokument an und Meron konnte mit. Ein Beispiel dafür, was alles passieren kann, wenn Willkür mit im Spiel ist – oder eben bei Afrikanern mit zweierlei Maß gemessen wird.

Katar - Wüstenhitze

 

In Katar herrscht eine unglaubliche Hitze. Das mussten die Jungs vom Team Stradalli – BIKE AID bereits in der Nacht bei Ihrer Ankunft feststellen und es ließ sich nur schwer ausmalen, wie extrem das Ganze in der Mittagssonne sein sollte.

So war es dann auch, 42 Grad am Mittag und kein Entrinnen. Trinken war also angesagt und alles fiel sehr schwer. Der typisch deutsche Körper hat es eben nicht so einfach, sich an ein solches Klima zu gewöhnen. Aber jetzt war man da und jetzt wollte man es auch richtig anpacken. Doch im Rennen selbst, kam es dann doch etwas anders als man es sich vorgenommen hatte.

Dabei sein ist alles!

 

Letzter also, 17. von 17. Was sich erst einmal grausam anhört, weicht bei genauerem Hinsehen dennoch schnell einem Gefühl von Freude.

Freude darüber es überhaupt an den Start der Weltmeisterschaft geschafft zu haben - denn immerhin gibt es weltweit rund 210 Profiteams.

Freude darüber, sich mit den besten Teams der Welt messen zu können, die doch über ein so weit größeres Budget verfügen als das „kleine Team“ aus der deutschen „Provinz“, dem Saarland.

Auch Freude darüber, dass das soziale Projekt, welches das Team verfolgt wieder einmal mehr in den Fokus trat in einem Umfeld, was auf soziale Themen eigentlich doch eher weniger sensibilisiert zu sein scheint (Bericht in der Gulftimes).

Dabei sein ist alles – in diesem Fall mehr denn je, denn trotz all dem sportlichen Ehrgeiz, den unsere Jungs das ganze Jahr an den Tag legen und all den guten Ergebnissen, die in 2016 auf internationaler Bühne errungen wurden – bei einer WM am Start zu stehen ist eben nicht alltäglich.

 

Photo Credits:

- Sean Rowe
- Graham Watson