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Tour de France Nachlese

Mittwoch, Sep 28, 2016 in Community

Matthias Schnapka, Vorstand bei BIKE AID und Teamchef des BIKE AID Pro Cycling Teams,  durfte ARD-Team bei der diesjährigen Tour de France unterstützen. Drei Wochen Frankreich, von der Normandie über die Pyrenäen zu den Alpen bis nach Paris, beim drittgrößten Sportereignis der Welt. Wie ist es ihm ergangen?

Stars und Sternchen?

Als ich von der Tour de France zurück kam, wurde ich mit Fragen nur so gelöchert, jeder wollte wissen wie es war. Beim Fernsehen arbeiten, das klingt immer nach Stars und Sternchen, nach Privilegien, teuren Hotels, nach der Sonnenseite. Man könnte die Geschichte auch so erzählen, wenn man will. Bei der Tour de France zu sein ist großartig, es ist das größte Radrennen der Welt und die ganze Welt sieht zu, feiert friedlich ohne Grenzen in den Köpfen. Ca. 12 Millionen Zuschauer besuchen das Rennen entlang der Strecke. Aus welchen Ländern sie kommen und aus welchen Ländern die Fahrer sind, die sie anfeuern, spielt keine Rolle; die Tour vereint, sie grenzt nicht ab.

Das Prinzip Tour de France

Warum die Franzosen ihr ganzes Land auf den Kopf stellen, um daraus eine einzigartige Wettkampfarena zu machen? Weil keine andere Sportart ein so geniales Instrument ist, um die Welt zu sich einzuladen und die Vorzüge des eigenen Landes in die ganze Welt zu tragen. Mit unserem Profi Team bei BIKE AID werden wir immer wieder aufs neue davon belehrt, dass dieses Prinzip überall auf der Erde funktioniert, sich teilweise erst so richtig auszubreiten scheint. Millionen Zuschauer an der Strecke, ein Radrennen als nationales Großereignis, das erleben wir überall wo wir Rennen fahren und gerade auch in den entferntesten Ecken der Erde, wo man überhaupt keinen Radsport vermutet.

Auch Fernsehen gibt es nur, weil es Menschen machen

Was für mich persönlich eine sehr bereichernde Erfahrung war, war nicht nur die Tour an sich. Natürlich gab es ein gewisses kribbeln, dort selbst mitarbeiten zu dürfen. Es war die mir bisher unbekannte Seite der Arbeit der Fernsehleute, diese Menschen kennenzulernen und ein Teil davon sein zu dürfen, was mich beeindruckte. Man hat da allerhand Klischees im Kopf, die alle samt nicht zutreffen, zumindest nicht beim Tour Team der ARD. Radsport ist für die Sportler eine Fleißsportart, man bekommt nichts geschenkt, muss sich abrackern, muss es aus eigener Überzeugung tun.

Und was für die Sportler gilt, durfte ich auch auf Seiten der ARD sehen. Bei der Tour zu arbeiten bedeutet erstmal, dass man nicht zimperlich sein darf, dass man anpacken muss. Was die Leute dort arbeiten, ist absolute Hochleistung am Fließband. Und auch die Stars des Teams, wie Moderatoren und Kommentatoren, helfen wie selbstverständlich, wenn nach einer Bergetappe die Sonne langsam untergeht und in der Zone Technique noch das Catering Zelt abgebaut wird, bevor man weitere Stunden im Auto durch die französische Nacht fährt, um irgendwo im nächsten Hotel anzukommen.

Dabei muss man anmerken, dass es in so einem Catering Zelt keine Häppchen mit Kaviar gibt, sondern gut ausgewählte Basics, um einen langen Arbeitstag zu überstehen. Und den französischen Gewerkschaften sei Dank, bekommt man dann auch oft nach 21:00 Uhr im Hotel nichts mehr zu Essen, ja NICHTS, auch wenn man vom Fernsehen ist :-).

Warum das alles funktioniert, 3 Wochen Dauerstress, jeden Tag Unplanbares und dabei immer fehlerfreie Hochglanz Medienproduktion? Weil die Leute dahinter überhaupt keine Allüren haben, von ihrer Arbeit überzeugt sind, alles geben und auch ihr Metier in beeindruckender Perfektion beherrschen. Abgehobene Fernsehsternchen kämen hier nicht weit. Es war einfach ein hoch sympathisches Team und eine absolute Ehre da mitarbeiten zu dürfen.

Und für mich eine sehr eindeutige Erkenntnis: Warum wir ständig erneut in Deutschland ernsthaft die Tour de France Übertragung der Öffentlich-Rechtlichen in Frage stellen? Ganz sicher nicht wegen den Leuten, die da vor Ort sind. Sie benenn die kritischen Punkte des Radsports und helfen so der notwendigen Veränderung. Sie wissen aber genauso um die Einzigartigkeit dieses Ereignis in unserem Nachbarland und dass die Faszination von Wettkampfsport in der positiven Emotionalität und Begeisterung steckt. Ohne Begeisterung braucht man keinen Sport zu übertragen. Wenn wir in Deutschland vor lauter kritischem Blick uns für nichts mehr begeistern können, dann sollten wir abschalten. Die Welt wird es nicht tun und weiterhin wird der Radsport weltweit mehr Zuschauer an den Rennstrecken begeistern, wie es je eine andere Sportart geschafft hat.

Sportliche Grüsse, 

euer Matthias