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Whiteout

Donnerstag, Mai 21, 2009 in Community Und wieder ein Bericht von einer Ausgleichsbeschäftigung zum Biken. Richtig, wir waren wieder auf Skitour. Diesmal eine Ski-Hochtour, also in vergletschertem Gebiet.

Da ist alles ziemlich flach und übersichtlich. Ja, sollte man meinen ....

Tag 1:
Wir,  - Verena, Hajü, Uli, Bernd, Andi, Eric - sind wieder unterwegs in der Schweiz, genauer in den Glarner-Alpen. Ausgangspunkt unserer hochalpinen Unternehmung ist der Ort Urnerboden. Dort übernachten wir in einer eher einfachen Behausung und nehmen am nächsten Tag, sehr füh, eine eher einfache Seilbahn vom Urnerboden 1370m zum Fisetengrat auf 2010m ü.M.

In eine Kabine passen 6 Personen und es gibt auch jeweils nur eine Kabine. Das bedeutet, die die Förderleistung etwa 36 Personen/h beträgt - was wiederum bedeutet, daß wir hier nicht von Massentourismus sprechen. Für unser Vorhaben genau richtig.   

Bei traumhaftem Wetter und Lawinenwarnlage "mäßig" kommen wir auf dem Fisetengrat an. Die Führung übernimmt Andi, erfahrener Skitourengeher und seit neuestem auch Fachübungsleiter Skitouren des DAV.
Immer wieder überrascht es, daß 1.000 HM auf Ski eine ganz andere Belastung darstellen als auf dem Bike. Das gilt zumindest für den Verfasser. Als wir, nach wenig mehr als 2 Stunden, am Gipfelkreuz des Gemsfairenstock auf 2.972 m ü.M. ankommen hat die Sonne unsere obersten Hautschichten bereits angekokelt. Gut wenn man Sonnenschutz aufgetragen hat.   

Die folgende Abfahrt wird schon gleich spannend weil ein etwas steilerer  Hang (> 30°) zu befahren ist. Der Führer entscheidet, einzeln in den Hang einzufahren. Das ist bestimmt auch gut so! Verlockend liegt die Clariden-Hütte etwas unterhalb in der gleißenden Gletschersonne. Da kann ich nicht wiederstehen, meine Begleiter hingegen zieht es weiter auf den Nachbargipfel. Derweil mache ich es mit schon in der Sonne bei Hüttenwirtin, Hüttenwirt und Hüttenhund bequem.

Tag 2:
Nach einem einfachen aber bequemen Nachtlager trauen wir am nächsten Morgen unseren Augen nicht. Hochwinterliche Bedingungen, heftiger Schneefall und Wind.
Wir fellen auf und stapfen über den Gletscher unserem Tagesziel, der Planurahütte,  entgegen. Auf diesem Weg wollten wir eigentlich noch den Clariden überschreiten. Die Anfangs gut sichtbare Spur wird allerdings immer verschwommener und wir kontrollieren unsere Route immer häufiger den beiden GPS-Empfängern. Irgendwann entschließen wir uns den Clariden auszulassen und über die Gletscherfläche zur Hütte zu finden. Laut Koordinaten und GPS-Peilung befindet sich diese in ca. 3.5 km Entfernung.

Wir gehen in diesem vergletscherten ungespurten Gelände am Seil. Es liegt sehr viel Schnee und alle Spalten sind überdeckt - aber man weiß ja nie. Gerade bei den schneereichen Verhältnissen dieses Winters können große, unsichtbare Spalten gefährlicher werden als kleine. Ziemlich eindrucksvoll, daß man im White-Out wirklich gar keine Orientierung mehr hat. Wir folgen dem Peilungspfeil der GPS-Geräte und benutzen den Seilersten, Andi,  als Richtungszeiger - will heißen: Über zwei Stunden hört unser Führer Andi von hinten immer nur: mehr links - geradeaus - mehr rechts.

Das Gelände ist sehr eben und von daher für diese Art der Navigation geeignet. Die Sicht beträgt stellenweise unter 15m. Irgendwann ist die Hütte laut GPS nur noch 30m Luftlinie entfernt. Nichts ist zu sehen und wir stehen an einer ziemlich steilen Wächte vor einem unendlich scheinenden Abgrund. Ein Blick in die Karte zeigt uns, daß die Hütte auf einem exponiertem Felsen steht und dieser Felsen wiederum den größten Windkolk Europas ausgebildet hat; so groß daß dieser Kolk sogar in Karten eingezeichnet ist. Laut Karte geht es fast 40m runter. Unüberwindlich.

Ratlos starren wir in das weiße Nichts. So kurz vor der Hütte und so weit davon entfernt! Plötzlich lichtet sich wie von zauberhand für einen kleinen Moment der Nebel und wir sehen die Hütte genau auf unserer Höhe vor uns in 30m Entfernung. Es bleibt gerade so lange hell, daß wir den Abstieg in den Kolk einmal ganz kurz sehen. Bernd seilt sich ab, sucht den Weg, wird fündig und wir anderen folgen, teilweise nur mit Rufkontakt. Spannend.

Heute gabs es zwar keine Gipfel, dafür aber jede Menge Abenteuer und Navigation. Und auf der Hütte gibt es jetzt einen unglaublichen Schoko-Kuchen, den die charmante Hüttenwirtin "Brownie" nennt....

Die Planura-Hütte des SAC bietet 35 Personen Platz und wird bis zum Abend auch wirklich brechend voll. Das Nachtlager und der Rotwein bringen mich etwas um den Schlaf, was sich am nächsten Morgen rächt.

Tag 3:
Der Zustand ist nur mit 2 Aspirin zu beherrschen. Dafür zeigt sich das Wetter von seiner allerbesten Seite und wir vollenden was wir am Vortag nicht zu Wege brachten: den Aufstieg zum 3.267m hohen Clariden.

Für mich hätten es auch einige Höhenmeter weniger sein können - aber irgendwann sind wir oben und genießen das von Anraum weiß geschmückte Gipfelkreuz und das unglaubliche Panorama der Glarner Alpen. Einige Tourengeher drängen sich auf dem Gipfel und wir machen uns fertig zur Abfahrt. Umsichtig wählen Bernd und Andi eine geeignete Route und führen uns über den Gletscher zur Abfahrtsroute die uns über das Iswändli, einen absoluten Klassiker der Skitouren, Richtung Klausenpaß führt.

Eigentlich ist der Schnee im oberen Teil echt zum Genießen - aber wenn die Körnerbox (in diesem Fall die des Verfassers ;-) schon etwas leer ist, dann kostet die Abfahrt einfach nur Kraft und der Genuß stellt sich nur schwerlich ein. Im unteren Teil wird es dann wirklich kriminell naß und sulzig - aber irgendwann stehen wir an der Klausen-Paßstraße. Leider steht unser Auto aber 3km weiter im Tal. Ok - dann halt eben noch ein Fußmarsch in Skistiefeln. Bis jetzt hat alles ohne Blasen an den Füßen geklappt - aber die letzten 3km zerschrubben die Füße schon etwas.

Wieder einmal wird mir klar - Skitouren sind anstregend. Andererseits, kaum sitzt man im Tal vor einem Bier und einem Essen, denkt man schon an das nächste Bergerlebnis.

Danke Andi und Bernd, unseren Bergführern die uns super geführt und unterhalten haben.

Sportliche Grüße,


Eric

PS:
Und weil man ansonsten nur auf den USA rumhackt: Heute bedanken wir uns auch bei den Amerikanern, dafür daß Sie uns diese 34 GPS-Satelliten ins All befördert haben. Ohne diese Blechkisten im Orbit hätten wir die Hütte wohl nicht gefunden. ;-)