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Cristallina - oder: Wo is' bloß der Käs' ?

Mittwoch, Jan 21, 2009 in Community Seltsamer Titel für eine großartige Skitour im Tessin. Das Saarland versinkt im Schmudelwetter. Es regnet ohne Unterlaß bei grausamen Temperaturen knapp über Null. Da kann man das Bike schon mal gegen Ski und Käs' eintauschen.

Unser Ziel klingt schon irgendwie magisch und wir erwarten Tiefschneehänge und unberührte Wildnis. Unser Ziel: die Cristallina-Hütte des SAC, Sektion Ticino, auf  2.575m Höhe.

Wir sind zu zweit und starten, für mich viel zu früh, gegen 5.00 Uhr am Freitagmorgen. Völlig stressfrei erreichen wir unseren Ausgangspunkt auf der Tessiner Seite des Gotthard-Tunnels, das Val Bedretto.

Wer nimmt den Käs'?

Blauer Himmel, leichte Minusgrade, Schnee satt. Schnell den Rucksack packen, Auffellen und "aufi gehts". Halt - Da war noch was! Wie müssen unseren Tagesproviant noch auf die Rucksäcke verteilen. Das ist schnell gemacht, lediglich bei einem würzigen, etwas streng riechendem Käse am Stück diskutieren wir kurz in welchem Rucksack der Stinker seine Heimat finden soll. Bernd steckt ihn ein. Der Bernd aber würde wohl sagen: "Eric hat ihn eingesteckt...".

Ein Juwel aus Holz im eisigen Fels

1.300 Aufstiegs Höhenmeter liegen vor uns. Gemütlich geht es durch die Waldzone auf der leicht angeeisten Spur unserer Vorgänger. Die alte Cristallina Hütte wurde trotz vermeintlich lawinensicheren Standortes während des Jahrhundert Lawinenwinters, im Februar 1999 von einer mächtigen Staublawine dem Erdboden gleichgemacht.
Im gleichen Abschnitt sehen wir auch die Reste einer frischen Grundlawine, die sich vor wenigen Tagen erst gelöst hat. Der Lawinenbericht des SLF sagt: Geringe Lawinengefahr. Aber woher kommt dann diese Lawine? Das kann man wohl nicht erklären. Ich vertraue meinem Führer und der obligatorischen Lawinenausrüstung.

Die neue Cristallina Hütte liegt etwa 400m höher in spektakulärer Lage auf einem Grat. Sie hat nur ein Problem: Sie kommt nicht näher und meine Körner werden weniger. Komisch, denn die gleichen alpinen Höhenmeter bewältige ich mit dem Bike ziemlich häufig und ziemlich locker. Es hapert hier offensichtlich an der Technik. Ich rutsche zu oft weg, nach hinten oder zur Seite. Da verschwinden die Körner sehr schnell aus der Box.

Irgendwann sind wir oben. Ungewöhnliche schöne und zeitgenössische Architektur mitten auf dem Grat. Was für ein Gefühl mit beginnender Dämmerung hier zu stehen. Schnell ein paar Fotos und dann nichts wie hinein in die "Holzkiste".

Polarkreis 18 kann es nicht besser besingen: Wir sind allein... allein, allein...allein allein. Dabei bietet die Capanna Cristallina 120 Gästen Platz. An diesem Abend jedoch gibt es nur uns, die Hüttenwirtin Eliana und ihre Kollegin Daniela und deren Retriever.

Es ist bekannt, daß nach alpinen Anstrengungen jeder Wurstzipfel und jede Brotkrume wie eine Delikatesse schmeckt - aber hier werden wir so richtig verwöhnt! Suppe, knackfrischer Salat, Pizzocheri (ein Veltliner Nudelgericht), Dessert und ein Merlot aus dem Tessin. Dazu sind die beiden Damen noch eine richtig nette Tischgesellschaft!
Trotzdem sind meine Lichter langsam am erlöschen. Wir müssen ins Bett.

Obwohl die Schlafräume ungeheizt sind stellt sich nach kurzer Zeit schon wohlige Wärme ein, so daß man in kurzer Hose und T-Shirt schlafen kann. Wie das geht, erklärt uns Idalgo, der Hüttenwirt, am nächsten Tag. Die Hütte ist so perfekt aus Holz gebaut und mit Mineralwolle gedämmt, daß im Schlafbereich schon die Wärme der Bewohner genügt um bei -15° aussen auf +15° innen zu kommen.

Einzig seltsam bleibt, daß es in unserer Kammer immer noch so "käsig" muffelt. Wir untersuchen jeden Winkel unseres Gepäcks und jede Ritze unserer Betten. Der Käse ist und bleibt verschwunden.

Im weißen Rausch der Einsamkeit

Nach dem Frühstück brechen wir auf in Richtung Piz Cristallina. Nach dem ersten Anstieg wird schnell klar, daß diese Tour für mich ein Risiko ist. Den Vortag noch in den Knochen und immer noch technische Probleme in den steilen Passagen; wir heben den Piz Cristallina für später auf und stürmen den Piz Naret geradwegs über den Gipfelgrat. Mit Ski geht das nicht weil es einfach zu harschig und steil ist - mit Stöcken und Tourenschuhen ist das aber kein Problem. Der Grat der uns geradewegs zum Gipfel führt beschert uns echtes Bergsteigerglück und eine längere Mittagspause in der gleißenden Sonne. Im Januar sitz man ohne Handschuhe recht selten auf 2.700m Höhe.

Auf Grat und Gipfel gibt es keine einzige Spur. Erst einige Zeit nach uns kommen zwei weitere Tourengeher, die sich für unsere "Treppe zum Gipfel" bedanken.

Powder-Alarm

Die Abfaht über weite unberührte Hänge steht bevor. Nach den ersten Schwüngen wird klar, daß wir auch beim Schnee echte Traumbedingungen vorfinden. Bernd charakterisiert die Schneedecke als "ungebunden und in aufbauender Umwandlung befindlich". Aha. Mir ist das egal - das weiße Zeugs macht Spaß ohne Ende und johlend legen wir unseren "Zopf" Richtung Tal.

Am Ende des Tages waren es wieder fast 1.000 HM im Aufstieg bis wir wieder an der Cristallina ankommen. Dort warten Maronenkuchen und Bier auf uns. Heute ist regelrechter Massenbetrieb. Wir sind nicht mehr allein - es gibt noch 7 weitere Alpinisten, die meisten sind mit Schneeschuhen unterwegs.
Auch an diesem Abend finden wir den Käse nicht - aber heute wäre zumindest der Geruch in unserer Bude mit der fehlenden Dusche zu erklären - wir aber wissen es besser: Es kann eigentlich nur der unter mysteriösen Umständen verschwundene Käse sein.

Vom Erdboden verschluckt

Am nächsten Morgen sind Sturm und trübe Sicht angesagt. So ganz unglücklich bin ich nicht, denn nach zwei tagen bergauf Skilaufen fühle ich mich in etwa wie nach einem ganzen Alpencross per Bike. Und wir müssen ja noch etwa eine Stunde durch die Suppe abfahren. Bei dieser Abfahrt breche ich in einen unsichtbaren Bach ein und finde mich nach einem satten "Rummms" mitsamt etlicher Kubikmeter Schnee etwa 2 Meter unter Geländeniveau wieder. Interessantes Gefühl wenn man plötzlich vom Erdboden verschluckt wird.

Bald hat uns auch der Parkplatz wieder... und fünf Stunden später sind wir wieder zu Hause. Das hat sich gelohnt. Ein perfektes Wochenende im Gebirge.

Danke auch an Marcel Iten, der uns einige seiner Fotos zur Verfügung gestellt hat!

Sportliche Grüße,

Eric


PS: Lieber Idalgo,  wenn es komisch riecht in Zimmer Numero 6 - denk an unseren Käse - wir haben ihn immer noch nicht gefunden. Aber bitte, schick ihn uns bloß nicht zurück!