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Auf der Suche nach der Langsamkeit

Donnerstag, Jan 15, 2009 in Community Klaus Kalsch, stv. Sportchef der Saarbrücker Zeitung und begeisterter Radsport-Fan hat mit einer 15-köpfigen Gruppe den Sankt-Jakobsweg unter die Räder genommen. Hier ist sein "Pilgerbericht".

Den Jakobsweg auf dem Fahrrad? Ja geht das denn überhaupt? Natürlich geht's, und es ist ein ganz tolles Erlebnis. Wir - das sind 15 Hobbyradler der RSF Phönix Riegelsberg - schwärmen heute noch davon. Denn wir waren Ende Mai vergangenen Jahres sieben Tage lang in Nordspanien unterwegs. Fast 800 Kilometer mit einigen ganz heftigen Knüppeln bis zu 13/14 Prozent Steigung im Profil. Mit unseren Rennrädern. Ja, ihr wundert euch sicher. Auch das ist möglich, zu 95 Prozent sogar auf ganz passablen Straßen. Teilweise sind die Autobahnen in dieser Region gebührenfrei. Und auf den bestens ausgebauten Bundesstraßen direkt daneben fährt kaum mal ein Auto. Das ist fast wie Radfahren im Schlaraffenland. Über viele Kilometer verläuft auch der Fußweg der Pilger direkt neben der Hauptstraße.

Gestartet sind wir in Bilbao und stießen dann in Burgos auf den traditionellen "Camino Francés". Also, man muss schon einigermaßen fit sein, um das Abenteuer ohne Probleme zu überstehen. Zumal auch das Wetter in Nordspanien im letzten Mai alles andere als Fahrrad tauglich war. An sechs von sieben Tagen hat´s nur gegossen wie aus Kübeln. Eigentlich sind wir nie aus den nassen Klamotten raus gekommen.

Ganz wichtig: die Gemeinschaft muss funktionieren. Einige von uns mussten das wieder lernen. Doch wir haben uns immer wieder zusammengerauft. Und so kamen wir pitschnass zwar, aber stolz wie die "Wuzze", in Santiago de Compostela an. Von dieser Stadt sollte sich aber niemand zuviel versprechen. Das ist Rummel und Abzocke pur - bis hin zum organisierten Betteln. Deshalb hat uns auch die eine Übernachtung dort vollkommen gereicht. Wer sich also auf den Jakobsweg machen will, sollte sich im Klaren darüber sein, dass die unvergesslichen Erlebnisse unterwegs auf ihn warten. Es gibt sie jeden Tag, und seitdem auch wir eine ganze Menge von unvergesslichen Erinnerungen mit nach Hause bringen durften, wischt das die unangenehmeren Randerscheinungen einfach weg.

Wir haben unsere Erlebnisse unter dem Titel  "Der Weg ist das Ziel" in einem kleinen Buch mit vielen Bildern und Informationen zusammengefasst.  Wer Interesse daran hat, kann mit dem Phönix-Vorsitzenden unterguenther.eisenbach@rsf-phoenix.de Kontakt aufnehmen. Im übrigen stehe auch ich euch gerne mit infos unter szklaus@aol.com  zur Verfügung. Denn je weiter das Erlebnis zurückliegt, um so mehr merke ich, wie wunderbar diese sieben Tage im Dauerstress unterm Strich doch waren.

Seit heute bin ich übrigens auch Bike Aid-Mitglied, weil mich der Eric Haus mit seiner Idee, den Radsport zu fördern und sich auch noch sozial zu engagieren, schon nach wenigen Minuten komplett überzeugt hatte.

Auf der Suche nach der Langsamkeit

Reportage der Woche

Tagelang in der Einsamkeit Nordspaniens: Ansichten und Einsichten beim Radfahren über den Jakobsweg nach Santiago de Compostela
Von SZ-Redakteur Klaus Kalsch

Morgens um acht auf dem riesigen Vorplatz der Kathedrale von Santiago de Compostela. Himmlische Ruhe. Nur wenige Menschen sind schon unterwegs. Der Arbeits-Rhythmus hier ist ein anderer. Er richtet sich nach den Gästen, von denen man lebt. Und die kommen und gehen bis spät in die Nacht. Santiago de Compostela in Galizien. Jährlich für Zehntausende von Pilgern Endstation ihrer Wallfahrt auf dem Jakobsweg.


Zwei Stunden später. Das Hauptportal der Kathedrale wird geöffnet. Auf dem Platz davor wimmelt es von Menschen. Viele Wanderer und Radler haben sich schon sehr früh auf den Weg gemacht zur letzten Etappe ihres langen Weges. Von einer Herberge vor der Stadt aus oder einem Hotel. Sie sind am Ziel. Wochenlang waren die meisten in der Einsamkeit Nordspaniens unterwegs. Bei Wind und Wetter.
In den vergangenen Tagen hat es besonders viel geregnet in Nordspanien. Frauen und Männer jeden Alters sind dennoch hunderte von Kilometern gelaufen oder geradelt. Doch hier am Zielort werden sie von der allgemeinen Hektik förmlich erschlagen. Nervende Musik aus dem Lautsprecher, lärmende Kinder beim Schulausflug, fliegende Händler. Bus-Touristen aus aller Welt. Wuselnde Japaner mit ihren Kameras. Natürlich darf da auch ein „echter“ Berufs-Jakob nicht fehlen. Mit brauner Mönchskutte, prächtigem Rauschebart und Wanderstock – als attraktive Staffage fürs Fotoalbum daheim. Ein Schock für die Pilger, die aus der Einsamkeit kommen.

Wir haben Santiago am Abend vorher erreicht. Nach sieben Tagen und 750 Kilometern auf dem Fahrrad. Sieben Tage Härtetest für 14 Männer und eine Frau – alle im schon etwas fortgeschrittenen Alter. Bis auf eine Ausnahme Mitglieder der Radsportfreunde Phönix Riegelsberg. Von Bilbao aus waren wir losgefahren. Waren in Burgos auf den traditionellen ,,Camino Frances“ gestoßen, auf dem seit Jahrhunderten Millionen von Pilger zum heiligen Jakobus wallfahren. Die meisten zu Fuß, das ist ohne Zweifel die härtere und zeitaufwändigere Herausforderung. Viele aber auch – wie wir  mit dem Fahrrad. Über lange Passagen laufen Wander- und Radstrecke parallel. Man trifft sich in den Pilgerbars. Und hat sich viel zu erzählen. Der Sahara-Karl etwa redet wie ein Buch. In einer klitzekleinen Bar in einem winzigen Dorf mit einer Bedienung im atemberaubenden Minirock haben wir ihn kennen gelernt. Die größte Wüste der Welt hat Karl schon durchwandert. Vier Monate lang. In allen Erdteilen war er schon – immer auf Extremtour. Uns Pilger-Radfahrer hält der Hamburger schlichtweg für ,,Weicheier“.


Obwohl auch die Variante auf zwei Rädern allemal eine harte Schule für Körper und Geist ist. Ob in der Gruppe oder allein. Wir haben es am eigenen Leib erfahren. An sechs von sieben Tagen hat's gegossen wie aus Kübeln. Fit muss deshalb jeder sein, der sich in den Sattel schwingt. Und bereit sein, auch schon mal an die Grenze zu gehen, wenn Gelände und Witterung es erfordern. In der Gruppe ist vor allem Teamgeist gefordert. Denn wenn bei aller körperlichen Belastung auch noch zwischenmenschlicher Stress hinzukommt, kann's nicht gut gehen. Wir wissen jetzt alle, warum so viele Fußpilger und Radfahrer entweder allein oder höchstens zu zweit oder zu dritt unterwegs sind. Denn nur in der Einsamkeit und der Beschäftigung mit sich selbst macht der ,,Camino“ wirklich Sinn. Doch mit der inneren Einkehr ist es für ambitionierte Gruppenradler spätestens dann vorbei, wenn steil bergab in prasselndem Regen und orkanartigem Wind volle Konzentration gefordert ist. Da ist kein Platz mehr für fromme Gedanken ans Seelenheil. Da haben die meisten im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun, die Räder auf der Straße zu halten. Wer bei all diesem Stress auch noch die sportliche Höchstleistung sucht, ist endgültig auf der falschen Route. Für Hektik und den ständigen Blick auf den Tacho, für Durchschnittsgeschwindigkeit und Höhenmeter ist beim ,,Camino de Santiago“ eigentlich kein Platz.


Auch der Radpilger muss vor allem also über ein kostbares Gut verfügen: Er muss Zeit haben – viel Zeit. Nur dann kann man Kontakte zu anderen Pilgern aufbauen und intensivieren, miteinander reden, miteinander lachen – und miteinander beten. Die zwei älteren Damen aus Österreich machen es uns vor. Aus Dankbarkeit für ein ausgefülltes Berufsleben sind sie unterwegs. Sechs Wochen schon, in vier weiteren wollen sie in Santiago sein. „Wir haben Zeit“, sagt die eine, „für uns ist der Weg das Ziel“. Dabei macht den beiden Seniorinnen auch überhaupt nichts aus, dass die Sturzbäche von oben den Fußweg so aufgeweicht haben, dass ihnen der Schlamm in die Wanderschuhe schwappt. Wir Radler haben zwar auch nasse aber überwiegend gut asphaltierte Straßen zur Verfügung. Was aber nicht heißen soll, dass unsere Art, den Jakobsweg zu bewältigen, nicht auch Anerkennung verdient.


Für jeden von uns werden die gemeinsamen Tage ein unvergessliches Erlebnis bleiben. 15 Individualisten haben Gemeinschaft geübt. Haben sich auch nach hitzigen Diskussionen immer wieder zusammengerauft. Haben wieder mal gelernt, dass man auch zurückstecken können muss, wenn ein gemeinsames Ziel erreicht werden soll. Nur wenn das gelingt, ist die gemeinsame Freude hinterher umso größer. Und dass dem ,,Jäb von Santiago“, wie wir den Apostel scherzhaft nennen, und seinem Chef im Himmel auch unsere Art der Pilgerschaft gefallen haben muss, entnehmen wir der Tatsache, dass wir alle gesund wieder nach Hause gekommen sind. Eindeutiger kann wohl der Beweis dafür, dass unsere Tour nach Santiago de Compostela vom ersten Tag an unter einem guten Stern und dem Segen von oben stand, nicht sein.


Wir haben es sogar Schwarz auf Weiß: Per Stempel im Pilgerpass und Urkunde in lateinischer Sprache. Lange haben wir dafür anstehen müssen. Das wird demnächst auch Winfried Bernardi aus Gresaubach. Der ehemalige Bauunternehmer hat viel Zeit und nutzt sie. Seit Wochen ist er zu Fuß in Richtung Santiago unterwegs. Kurz hinter Léon haben wir den 75-Jährigen mit dem großen schwarzen Hut trotz Regen in bester Stimmung getroffen. Mitten in der spanischen Pampa. Das kann doch kein Zufall sein!


Auf einen Blick
Als Jakobsweg (spanisch Camino de Santiago) wird der Pilgerweg zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela bezeichnet. Darunter wird vor allem der Cam ino Francés verstanden, die hochmittelalterliche Verkehrsachse Nordspaniens, die von den Pyrenäen zum Jakobsgrab reicht und die Königsstädte Jaca, Pamplona, Estella, Burgos und León verbindet. Die Phönix-Radler aus Riegelsberg starteten in Bilbao und stießen in Burgos auf den offiziellen Jakobsweg. kk